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Eine Bedingung · Teil 9 von 10

Der Endgegner und 707 Kilometer nach Hause

Blick vom Aussichtsplateau kurz unter der Passhöhe hinab auf die Kehren der Stilfser-Joch-Straße, dahinter Berge mit Gletscherresten in dichten Wolken.

Fünf Wochen auf der eigenen Maschine. Davor achtzehn Jahre lang keinen Meter. Ein Roadster. Lisa hinten drauf. Gepäck. Spätsommer.

Und ich bin ans Stilfser Joch gefahren.

Es war Sonntag. Gegen zehn sind wir bei Comano Terme losgefahren, nach Norden, und mittags haben wir im Vinschgau gut eine Stunde Pause gemacht. Bei Prad beginnt die Prader Seite des Jochs.

Rückblickend war das dreifach dumm, und ich zähle die Fehler einzeln auf, weil sie einzeln vermeidbar gewesen wären. Erstens: Fahranfänger. Zweitens: mit Lisa und Gepäck, also mit einem völlig anderen Fahrverhalten als dem, in dem ich meine paar Wochen gesammelt hatte. Drittens: ausgerechnet der Endgegner. Es gibt in Europa kaum einen Pass, der Anfängern so wenig verzeiht: 48 nummerierte Kehren, und in jeder davon Verkehr.

Die Straße selbst ist eine Ingenieursleistung, vor der man den Helm abnimmt. Sie stapelt sich in Kehren an eine Wand, die keine Straße will, immer wieder, ohne Pause, bis hinauf auf 2.757 Meter, ein Schleifenmuster, das aus der Ferne aussieht wie ein Schaltplan und aus der Nähe wie Arbeit. Jede Kehre ist nummeriert, was psychologisch grausam ist, weil du im ersten Drittel schon weißt, wie viele noch kommen.

Fahrerisch war es kein Spaß, sondern Handwerk am Limit meines Könnens. Erster Gang, manchmal zweiter. Konstantes Gas, kein Rucken. Blick weit in die Kehre und nicht auf den Abgrund. Und die ganze Zeit das Wissen, dass ein Roadster im ersten Gang bei fünfzehn Stundenkilometern in einer Spitzkehre, mit weniger Lenkeinschlag als eine Reiseenduro, mit Gepäck und einem zweiten Menschen obendrauf, ein sehr instabiles Gebilde ist.

Und dann die Campingbusse und Wohnmobile.

An diesem Tag habe ich angefangen, sie zu hassen. Ich beschreibe das präzise, weil es das gefährlichste Verhalten am ganzen Berg war und niemand es böse meint. Ein Wohnmobil fährt in die Kehre. Es kommt raus. Und dann bleibt es stehen, nicht in der Kehre, sondern fünf Meter dahinter. Weil dort die Aussicht schön ist. Weil jemand ein Foto will. Weil der Fahrer kurz überlegt. Die Dinger stehen stabil auf vier Rädern, bleiben fröhlich direkt hinter der Kehre stehen und wissen gar nicht, was sie anstellen.

Fünf Meter hinter einer Spitzkehre stehen zu bleiben heißt auf dieser Straße: Du bist für den, der noch in der Kehre ist, unsichtbar. Er lenkt mit vollem Einschlag um die Ecke, in Schräglage, am Wendekreis, an der Balancegrenze, und dann steht da eine weiße Wand. Ein Motorrad steht nicht stabil. In einer Kehre schon gar nicht, und unter einem Anfänger erst recht nicht.

Wir alle kennen die Videos aus dem Internet, in denen Motorräder in der Innenkurve bergauf einfach umfallen. Ich kannte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Einmal ist es an dem Tag knapp geworden. Richtig knapp.

Ich war in der Kehre, voller Einschlag. Direkt dahinter war meine Spur von einem „Parker“ blockiert, und die Maschine war schon zu langsam für die Schräglage, in der sie lag. Der Punkt, an dem man mit dem Bein noch etwas hält, war vorbei. Sie fing an zu kippen.

Und dann kam der eine Gedanke, und es war der einzige, der kam: Gas.

Kein Reflex, kein Zufall, kein Glückstreffer. Es war das Einzige, was mir zum Stabilisieren durch den Kopf schoss, und es war richtig. Ich wusste, dass Geschwindigkeit Stabilität bringt. Ein Rezept ist das nicht. Ich habe an dem Tag als Anfänger die richtige Entscheidung getroffen. Wenn ich heute Videos anderer Fahrer von diesen Kehren im Internet sehe, bin ich stolz, dass ich nicht umgekippt bin. Das ist der einzige Teil dieser Geschichte, auf den ich stolz bin.

Der Preis für diesen Griff ist, dass du nach vorn schießt, und zwar dorthin, wo du gerade hinlenkst, also über die Mitte, in die Gegenfahrbahn. Ich hatte sie geprüft, bevor ich das Gas aufgezogen habe, und sie war frei. Und das war das Glück: Es kam in diesem Moment niemand entgegen. Fünf Sekunden früher oder später wäre daraus eine andere Geschichte geworden, und ich hätte an ihr nichts ändern können. Das Können war meins. Die leere Gegenspur nicht.

Kurz unter der Passhöhe haben wir auf einem Aussichtsplateau eine Verschnaufpause gemacht. Dass von dort keine Kehre mehr bis zur Passhöhe kam, wussten wir nicht.

Oben angekommen: Menschenmasse. Souvenirstände, Würstchenbuden, hunderte Motorräder, Rennradfahrer, Reisebusse, Parkplatzsuche im Schritttempo. Schlimm wie Rimini.

Wir haben oben nicht nochmal angehalten. Nicht einmal an den Läden.

Und ehrlich gesagt kamen dafür drei Dinge zusammen. Das Adrenalin aus der Kehre saß noch komplett in den Unterarmen. Dazu ein wütendes, verständnisloses Kopfschütteln über die Campingbusse und Wohnmobile - Leute, die aus einer Straße, auf der man gerade um Kontrolle gekämpft hat, einen Fotostopp machen, ohne eine Sekunde daran zu denken, was hinter ihnen aus der Kurve kommt.

Und drittens, ganz unabhängig vom Tag: Ich mag solche Orte nicht. Ich habe noch nie verstanden, was man an einem Platz sucht, der nur deshalb existiert, weil viele Leute hinwollen, und an dem man dann Aufkleber, Kühlschrankmagneten und eine Bratwurst zum dreifachen Preis kaufen kann. Das ist kein Ziel. Das ist ein Verkaufsraum mit Aussicht.

Also durch, und auf der anderen Seite sofort wieder runter: über den Umbrail in die Schweiz, nach Santa Maria und Müstair, dann zurück nach Italien, über den Reschenpass nach Österreich, über den Fernpass nach Füssen. Das siebte Land der Reise kam spät und blieb kurz.

Flucht nach Norden. Der Gedanke dabei, wörtlich: Die nächsten zehn Jahre bitte nicht nochmal.

Der Parkplatz

Und dann fängt der Teil an, in dem ich nicht nur Anfänger, sondern schlicht der Idiot bin.

Gegen halb neun waren wir bei Füssen auf der Autobahn, in der Dämmerung. Im Hinterkopf eine Unwetterfront, die von Westen kam und die ich unbedingt überholen wollte.

Und irgendwo unterwegs habe ich die Gegensprechanlage abgeschaltet.

Die Anlage ist nicht ausgefallen. Ich habe sie abgeschaltet. Ganz bewusst, mit einer Begründung, die für sich genommen stimmt: Der Intercom-Kanal frisst deutlich mehr Akku als die reinen Navigationsansagen. Die Restladung war knapp, und ich brauchte sie für die Ansagen: Am ersten Tag war der Akku der Gegensprechanlage leer gewesen, und es kamen keine Ansagen mehr. Also habe ich das Teure abgeschaltet und das Billige laufen lassen.

Das ist eine völlig rationale Ressourcenentscheidung, und sie ist der schlimmste Fehler des ganzen Tages.

Denn schau dir an, was ich da eigentlich priorisiert habe. Ich hatte zwei Kanäle und Strom für einen. Der eine sagte mir, wo ich hinfahren soll. Der andere war die einzige Instanz auf diesem Motorrad, die mir hätte sagen können, ob ich überhaupt noch fahren soll. Ich habe die Routenführung behalten und die Korrekturschleife abgeschaltet. Ich habe mir das Navi gerettet und den Menschen stummgeschaltet.

Und weil ich es selbst getan hatte, ist mir die Konsequenz nicht aufgefallen. Ein Ausfall macht Lärm. Eine Entscheidung nicht. Ich bin einfach weitergefahren, in Ruhe, ohne Rückmeldung, und habe die Stille für Zustimmung gehalten.

Nach gut anderthalb Stunden auf der Autobahn hat Lisa mir auf die Schulter getippt.

Und dann nochmal. Und dann so, dass jede Interpretation ausgeschlossen war: Runter. Nächster Parkplatz.

Es war zu diesem Zeitpunkt schon dunkel.

Wir sind rausgefahren. Sie hat den Helm abgenommen, bevor das Motorrad richtig stand, und mich fast angeschrien:

„Du willst jetzt nicht wirklich bis nach Hause fahren?“

Ich habe gesagt: „Doch.“

Sie hat mich angeschaut, nichts weiter gesagt, ist quer über den Parkplatz gegangen, hat sich im Dunkeln auf eine dieser Betonbänke neben dem Mülleimer gelegt, in voller Montur, Helm neben sich, und gesagt:

„Ich geh kein Stück weiter.“

Und dann lag sie da.

Ich habe daneben gestanden. Zwanzig Minuten. Zwei Erwachsene auf einem Autobahnparkplatz um kurz nach zehn, einer stehend, eine liegend, beide in Motorradklamotten, dazwischen keine einzige Silbe. Es kamen Autos, Leute stiegen aus, gingen zur Toilette, kamen zurück, und schauten. So, wie man schaut, wenn man nicht sicher ist, ob man gerade Zeuge von etwas wird, bei dem man eingreifen sollte.

Irgendwann sind ihr diese Blicke unangenehmer geworden als ich. Sie ist aufgestanden, hat den Helm aufgesetzt, ist wieder aufgestiegen und hat kein Wort gesagt.

Das nenne ich seitdem dezent kooperativ. Es ist die höflichste Formulierung, die ich dafür finde, und sie beschönigt nichts: Sie ist nicht überzeugt worden. Sie hat aufgegeben.

Kurz nach halb eins nachts sind wir daheim in den Hof gerollt.

Ich bin abgestiegen und habe eine Minute neben dem Motorrad gestanden, weil die Beine nicht sofort mitmachten. Der Boxer tickte beim Abkühlen. Über uns kein Wind, kein Wetter, ein Sommernachthimmel wie aus dem Katalog. Die Front, vor der ich geflohen war, ist an dem Abend nie angekommen.

Und das ist der eigentliche Preis, den ich an dem Tag bezahlt habe, und er ging nicht auf mein Konto.

Es war der neunte Tag. Der Urlaub war noch nicht vorbei. Wir hätten am frühen Abend irgendwo in eine Pension gehen können, duschen, ein Bier trinken, essen, den letzten Abend haben, und am nächsten Morgen ausgeruht nach Hause fahren. Es gab keinen Termin. Es gab keinen Grund.

Ich habe ihr diesen Abend genommen. Nicht aus Notwendigkeit, sondern weil ich müde war und deshalb nicht mehr gemerkt habe, dass ich überhaupt Entscheidungen traf. Neun Tage Vertrauen, und am letzten habe ich es gegen nichts eingetauscht.

Sie war stinksauer. Zu Recht.

Tag 9 in Zahlen

WasWert
StartComano Terme (Trentino), gegen 10 Uhr
Zieldaheim in Franken, Ankunft kurz nach halb eins nachts
Strecke707 km
Höchster PunktStilfser Joch, 2.757 m, Prader Seite mit 48 nummerierten Kehren
Weitere PässeUmbrail, Reschenpass, Fernpass
LänderItalien, Schweiz, Österreich, Deutschland
PausenMittag im Vinschgau, Aussichtsplateau kurz unter der Passhöhe, Parkplatz an der Autobahn
Übernachtungkeine, durchgefahren bis nach Hause

Fotos und Screenshots zeigen die App mit Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende, verfügbar unter der Open Database License.