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Eine Bedingung · Teil 6 von 10

Ein Tisch ohne Gastgeber

Zwei Gläser Rotwein und eine Weinflasche neben einer Kerze im Windlicht, davor Pizza auf Tellern, am Abend auf einem dunklen Tisch.

Weiter nach Norden, dann nach Westen. Der Vormittag war eine Erinnerung daran, warum man Küstenstraßen im August meiden sollte.

Rimini.

Rimini hatte ich als Ziel gesetzt. Dann kamen die Touristenmassen, und mir kam das Würgen.

Ich will fair bleiben. Es leben dort Menschen, die nichts dafür können. Aber Rimini im Hochsommer, auf einem Motorrad ohne Verkleidung, mit Sozia und Gepäck, ist eine Aneinanderreihung von Ampeln, Hotelauffahrten, Fußgängern mit Luftmatratzen, Rollern ohne erkennbares Regelwerk und einem Verkehrsfluss, der die Bezeichnung nicht verdient. Es ist heiß, es steht, und ein Boxerzylinder, der bei fünfunddreißig Grad im Stau direkt neben deinem Schienbein sitzt, wird sehr schnell zu einer persönlichen Angelegenheit.

Gegen Mittag haben wir die Küste verlassen und sind ins Land gefahren. Das war, als würde jemand einen Schalter umlegen.

San Marino war Land Nummer sechs, und wir haben es mitgenommen, weil es im Weg lag. Die Auffahrt ist gut, kurvig, mit Aussicht, die man sich verdient. Oben ist es, was solche Orte immer sind: eine Festung mit Minimärkten und anderen kleinen Geschäften. Wir hielten kurz, ich schickte Lisa los, schnell drei Fotos zu machen, dann ging es auf der anderen Seite wieder runter. Abgehakt, kein Bedauern.

Und dann kam der beste Fahrtag der ganzen Reise, und er hatte keinen einzigen berühmten Namen.

Apennin, quer nach Westen Richtung Viareggio. Landstraßen zweiter Ordnung über Hügelrücken. Zypressen als Linien, Getreide als Farbe. Kurven, die man nicht abarbeitet, sondern fährt. Und vor allem: nichts los. Keine Kolonne, keine Motorradgruppe, kein Reisebus. Es kamen uns fast keine Autos entgegen.

Kurz nach halb sechs ging es über den Passo di Viamaggio, 983 Meter, gleich dahinter über den Passo di Frassineto, rund 930 Meter. Das ist nicht viel für jemanden, der vier Tage vorher auf der Großglockner-Hochalpenstraße auf 2.504 Metern war. Die Namen kannte ich damals nicht. Heute schaue ich auf die Karte und frage mich: Bin ich da wirklich gefahren? Ja.

Danach noch zwei kurze Halte: am Lago di Montedoglio und in Anghiari, das auf seinem Hügel im Abendlicht lag.

Seit dem ersten eigenen Motorrad war jede Kurve eine bewusste Handlung gewesen - Blick, Bremspunkt, Schräglage, Gas. An diesem Nachmittag war davon nichts zu spüren. Ich fuhr dritter, vierter Gang, hundert Kilometer am Stück, und irgendwann merkte ich, dass ich seit vierzig Minuten nicht mehr gedacht hatte.

Wenn man mich fragt, wann ich Motorradfahren gelernt habe: das war der ganze Trip.

Der Abend brachte wieder die Frage nach dem Bett, und die Antwort war die schönste Überraschung dieser Reise.

Gegen sieben stand am Straßenrand ein Schild mit einem Bett darauf. Mehr Plan hatten wir für die Nacht nicht. Es führte uns zur Locanda di Santantimo bei Chiassa, nördlich von Arezzo: ein Weingut an einer Hügelflanke. Große Toranlage, Innenhof, Zypressen - und geschlossen. Nicht aufgegeben, nicht verfallen: Ruhetag. Ein Betrieb, der an sechs Tagen der Woche läuft und an diesem einen eben nicht. Zwei Autos standen da, sonst nichts. Ich bin reingerollt, in der Hoffnung, etwas zum Übernachten zu finden.

Am Pool traf ich einen Mann, eine Art Manager. Wir haben es mit dem Übersetzer auf dem Handy versucht, und es hat gereicht. Ob wir ein Zimmer bräuchten. Ja. Heute sei zu, aber ein Zimmer habe er.

Das Zimmer war hergerichtet: Bett, Fenster, Waschbecken, dicke Mauern, sechs Grad kühler als draußen.

Und dann kam der Teil, dem ich ein Denkmal setzen will.

Küche zu, Ruhetag, kein Essen. Er hat uns erklärt, wo es Pizza gibt - unten im Ort, ein paar Kilometer, gut. Wir sollten fahren und wiederkommen.

Auf der Rückfahrt hielt Lisa die zwei Pizzakartons auf dem Tankrucksack fest, ich fuhr. Eine Disziplin für sich, besonders auf einem Roadster ohne Windschild, wo einem der Fahrtwind den Deckel hochdrücken will. Als wir zurückkamen, hatte er auf der Terrasse einen Tisch gedeckt.

Nicht „hingestellt“. Gedeckt. Platzsets. Zwei Teller. Messer und Gabel. Servietten. Zwei Gläser. Eine Flasche Wein aus dem eigenen Keller, entkorkt und atmen gelassen. Eine Kerze in einem Glas gegen den Wind.

Und er selbst war weg.

Kein Empfang, kein Nachschenken, kein Small Talk. Er hatte gedeckt und war gegangen. An seinem freien Tag.

Wir haben die Pizza aus dem Karton auf Porzellan gelegt und dazu einen Wein getrunken, der besser war, als er hätte sein müssen, auf einer Terrasse, auf der an diesem Tag niemand arbeiten sollte. Wir hatten sie ganz für uns allein.

Ich habe in guten Restaurants gegessen. Nichts kommt an diesen Abend heran, und der Grund ist simpel: Es war ungeplant, es war umsonst gemeint, und jemand hat sich Mühe gegeben, ohne dabei sein zu wollen, wenn wir ankommen.

Am nächsten Morgen gab es ein fantastisches Frühstück.

Das Weingut war toll. Danke an die Locanda di Santantimo und an den Manager.

Tag 6 in Zahlen

WasWert
Strecke261 km
StartHotel bei Fano
ZielLocanda di Santantimo bei Chiassa, nördlich von Arezzo
Pässe und HöhePasso di Viamaggio 983 m, Passo di Frassineto rund 930 m
LänderItalien, San Marino
ÜbernachtungLocanda di Santantimo, Zimmer vor Ort

Fotos und Screenshots zeigen die App mit Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende, verfügbar unter der Open Database License.