Zimmer in einer Stunde

Man fällt in Ancona nicht von der Fähre. Man wird von ihr ausgeschieden.
Sechs Uhr morgens, Motorengeräusch, Durchsage in zwei Sprachen, Neonlicht auf dem Autodeck, das dir mitteilt, wie du aussiehst. Ein paar Stunden Schlaf, den Rest im Halbwachen zwischen Schiffsdiesel und einem Kind, das irgendwann etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. Ungeduscht seit vierundzwanzig Stunden. Salz im Gesicht, Salz in den Haaren, Salz vermutlich auch in der Jacke.
Und dann, gegen sieben, das Erste, was du siehst, wenn die Klappe aufgeht: ein Industriehafen. Ancona hat eine schöne Seite, aber die zeigt sie dir um sieben Uhr früh nicht von der Rampe aus. Von der Rampe aus zeigt sie dir Container, Kräne, Lkw-Spuren, Zollhäuschen und einen Verkehrsfluss, in dem ein Motorrad mit zwei Personen und Gepäck das schwächste Element ist.
Die erste Entscheidung des Tages war deshalb auch die einzig richtige: raus.
Nicht Kaffee suchen im Hafen. Nicht „kurz die Altstadt“. Raus aus dem Moloch, auf der Schnellstraße, die dort parallel zum Strand nach Norden läuft, aus dem Betonkorridor heraus, bis rechts Wasser und links nichts mehr ist, was einem etwas verkaufen will. Zwei Tage lang hatten wir dieses Meer von der anderen Seite gesehen. Jetzt lag es rechts von uns.
Die Fähre nach Italien war Lisas Idee gewesen. Der Strand war meine. Bei Fano - gut vierzig Kilometer, ein paar Ortsdurchfahrten dazwischen - suchte ich eine Abfahrt, irgendeine, und fuhr hinunter ans Wasser. Wir hielten am Strand, ich trank einen Energydrink.
Und dann sah ich das Hotel. In meiner Erinnerung ein Betonbunker, der schon bessere Zeiten hatte. Auf dem Foto sieht er gar nicht so schlimm aus. Dafür direkt am Strand: aus dem Eingang raus, keine zehn Meter später Sandstrand. „Oh, da ist ein Hotel, ich geh mal rein.“
Es war kurz vor acht. Check-in ist um fünfzehn Uhr. Weltweit.
Ich bin trotzdem rein. Zwei Motorradfahrer in voller Montur, verschwitzt, salzverkrustet, mit dem Gesichtsausdruck von Leuten, die eine Nacht auf einem Fährdeck verbracht haben. Ich habe gefragt. Der Mann an der Rezeption hat uns ungefähr zwei Sekunden lang angeschaut. Er sprach kein Englisch, ich kein Italienisch. Irgendwie war trotzdem klar, was er meinte: In einer Stunde könnten wir ein Zimmer haben.
Kein Aufschlag. Kein Early-Check-in-Zuschlag. Keine erhobene Augenbraue. Er hatte entschieden, dass zwei Menschen, die so aussehen, ein Bad brauchen, und dass ein Zimmer, das morgens leer steht, nicht bis fünfzehn Uhr leer stehen muss.
Eine Stunde später hatten wir das Zimmer. Innen war das Haus schön und modern. Die Dusche war die beste meines Lebens. Wobei nach einer Nacht auf dem offenen Deck und dem Fußboden, nach dem Schwitzen in Kroatien und der Salzluft jede Dusche die beste der Welt ist.
Danach: Powernap. Zwei Stunden, Rollläden unten, Ventilator an, das Meer als Geräuschkulisse.
Am Nachmittag dann der Strand. Er war fast leer, geschätzt zu zehn Prozent gefüllt. Ruhe, nach so vielen Kilometern und so einer Nacht.
Wir haben nichts gemacht. Fünf Stunden lang. Kein Programm, keine Sehenswürdigkeit, kein Foto von einer Kirche. Im Wasser gestanden, wieder raus, gelegen, geredet, nicht geredet, und irgendwann ging die Sonne runter.
Das war der Tag, an dem aus einer Fahrt ein Urlaub wurde.
Tag 5 in Zahlen
| Was | Wert |
|---|---|
| Strecke | 42 km |
| Start | Fährhafen Ancona |
| Ziel | Hotel am Strand bei Fano |
| Pässe und Höhe | keine, Küstenebene auf Meereshöhe |
| Länder | Italien |
| Übernachtung | Hotel bei Fano, Zimmer vor Ort ausgehandelt |


