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Eine Bedingung · Teil 3 von 10

Der Wind, der dich schräg geradeaus fahren lässt

Ein blauweißes Motorrad mit Seitenkoffern und Topcase steht am Rand einer Küstenstraße, dahinter karge Karsthänge mit Büschen und das Meer unter blauem Himmel mit dünnen Wolken.

Am dritten Tag habe ich die schönste Straße der Region hinter mir gelassen und bin ans Meer gefahren. Kurz nach zehn ging es los, vom Hotel bei Nova Gorica, ein kurzes Stück slowenische Autobahn, dann Rijeka, dann nur noch Küstenstraße über Crikvenica und Senj. Die Küste war die Straße.

Ohne Reue. Kroatien ist Küste. Küste ist Aussicht, Schönheit für die Augen, eine Küstenstraße, die sich um die Felsformationen wickelt.

Und dann war da der Wind.

Wer an die kroatische Küste fährt, sollte ein Wort kennen, bevor er losfährt. Bura. Ein Fallwind, der von der Velebit-Kette herunterstürzt, oft tagelang anhält und dabei Stärke und Richtung ständig ändert. Das letzte Detail ist das entscheidende. Ein stetiger Seitenwind ist ein Rechenproblem: reinlegen, Lenkimpuls halten, fertig. Ein Wind, der im Sekundentakt die Richtung wechselt, ist ein Regelkreis mit variabler Streckenverstärkung - du korrigierst gegen eine Kraft, die genau dann verschwindet, wenn deine Korrektur greift.

Am Straßenrand standen die Warnschilder als Anzeigetafeln. Man kann sie nicht überlesen, und man schaltet sie ein, wenn es nötig ist. Es war nötig. Am Vortag hatten Schilder vor umfallenden Motorradfahrern gewarnt, jetzt warnten Tafeln vor dem Wind.

An dem Tag war es nicht die Vollversion. Es war die Ausgabe, bei der die Straße offen bleibt und du trotzdem lernst, was der Begriff bedeutet.

Ich bin über Strecken gefahren, auf denen die Maschine bei hundert konstant zehn bis fünfzehn Grad Schräglage hielt - um geradeaus zu fahren. Das ist das Bild, das ich seitdem nicht loswerde: Du liegst schräg wie in einer zügigen Kurve, der Horizont steht kerzengerade, und dein Innenohr meldet einen Fehler, den es nicht auflösen kann. Der Körper sagt Kurve, das Auge sagt Gerade, und der Verstand sagt: Halt die Klappe und fahr.

Der Roadster war dabei Fluch und Segen zugleich. Segen, weil ein nacktes Motorrad wenig Segelfläche oben hat - eine hohe Tourenscheibe wirkt bei Seitenwind wie ein Ruderblatt, das jemand anderes bedient. Fluch, weil du den kompletten Druck mit dem Oberkörper aufnimmst. Nach zwei Stunden Bura hatte ich Muskelkater in Stellen, von denen ich nicht wusste, dass sie am Fahren beteiligt sind.

Bei dem Wind war der Lkw-Windschatten eine ganz neue Entdeckung. Keine schöne. Ein Lkw hat eine Abdeckungszone, und in dem Moment, in dem du sie erreichst, verschwindet die Kraft, gegen die du gerade mit fünfzehn Grad Schräglage arbeitest, komplett. Die Maschine schießt zur Windseite. Zwei Sekunden später, beim Vorbeifahren, bekommst du sie doppelt zurück.

Das war der Moment, in dem ich als Anfänger das Wichtigste gelernt habe, was es über Seitenwind zu lernen gibt: locker am Lenker bleiben. Du drückst ständig am Lenker und korrigierst, und trotzdem müssen die Arme locker sein. Verkrampfte Arme geben jede Böe direkt ans Vorderrad weiter. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um meine Hände dazu zu überreden.

Hinter mir war es sehr still. Lisa schaut nach vorn, viel sieht sie dabei nicht. Ich bin 1,90 m groß, sie 1,54 m.

Und dann kam das Meer.

Zweieinhalb Tage lang war es nur ein Ziel auf der Karte gewesen. Seit Rijeka lag die Küste neben uns, aber auf dieser Straße ist sie über weite Strecken Karst, Buschwerk, Geröll und Hitze, und bei Bura schaut man auf die Fahrbahn und nicht aufs Wasser. Dann riss auf einer Hügelkuppe die Landschaft auf, und da war es.

Ich habe dafür keine gute Beschreibung. Es ist nicht das Meer an sich. Es ist die Kombination aus zweieinhalb Tagen Sitzen, fünf Ländern, einem Wind, der dich schräg gestellt hat, und dann diesem Aufreißen der Landschaft nach unten und rechts, wo plötzlich Wasser steht, blau bis an den Rand der Sicht, mit Inseln darin wie hingelegt.

Gut zwei Monate vorher hatte ich noch nie ein Motorrad besessen.

Lisa hat mir in die Rippen geboxt. Über die Gegensprechanlage kam kein Wort, nur ein Geräusch, das keins von beiden war, weder Lachen noch Weinen.

Auf der Kuppe haben wir erst einmal kurz Pause gemacht, dann ging es hinunter zum Wasser. Helm ab, Handschuhe auf den Tank, Stiefel aus. Sie ist bis über die Knöchel reingegangen, in kompletter Motorradhose, die Beine hochgekrempelt, so gut das bei einer Motorradhose eben geht.

Gut eine Stunde haben wir da gestanden. Das Ziel war erreicht. Nach zweieinhalb Tagen.

Und damit stand die einzige Frage im Raum, die die ganze Reise noch offen hatte.

Was macht man, wenn man angekommen ist?

Das ist die eigentliche Krise jeder Reise mit nur einer Bedingung. Solange du ein Ziel hast, hast du eine Richtung. In dem Moment, in dem du ankommst (und wir kamen an Tag drei von neun an), steht die Maschine in einer Landschaft ohne Vektor.

Wir haben es besprochen. Zwanzig Minuten, am Wasser, die Stiefel noch aus.

Nach Süden. So vage wie die ursprüngliche Bedingung. Vielleicht Montenegro. Vielleicht bis Dubrovnik und dann sehen. Vielleicht auch nur die Küste runter, bis es nicht mehr schön ist.

Und dann stand die Fähre im Weg.

Ich schreibe das genau so, weil es genau so war. Auf der Karte ging eine Straße zum Strand hinunter. Wir sind sie runter, und auf einmal stand da ein Kassenhaus für eine Fähre, daneben ein Café. Ich habe nicht lange überlegt.

Prizna nach Žigljen, Jadrolinija, zwanzig Minuten. Die kürzeste Anbindung an die Insel Pag, und sie kostete nicht viel.

Zwanzig Minuten sind zu kurz für eine Seereise und zu lang, um stehen zu bleiben. Man macht in dieser Zeit exakt eines: nach vorn gehen, an die Reling stellen, nichts sagen, Salzluft ins Gesicht. Hinter einem bollert der Diesel, und das Motorrad steht zwischen einem Wohnwagen und ein paar Autos auf dem Autodeck.

Und dann kommst du auf Pag an, und Pag ist anders. Die Nordhälfte sieht aus, als hätte jemand den Mond geliefert und die Rechnung für die Vegetation nicht bezahlt. Weißgrauer Karst, Steinmauern über kahle Hügel, ein paar Schafe, die nach Salbei und Meersalz schmecken sollen und es angeblich auch tun. Kaum ein Baum. Die unwirtlichste schöne Landschaft, die ich kenne.

Ein Schild mit einem Bett

Und wir hatten immer noch keine Bleibe. Online war nichts zu finden. Also sind wir in Richtung der nächsten Stadt gefahren, und am Straßenrand stand ein Schild: Bett, Ferienwohnung.

Gefunden haben wir sie, indem wir daran vorbeigefahren sind. Dreihundert Meter weiter haben wir gewendet, und es hat sich gelohnt.

Der Mann war im Hof. Er sprach Deutsch, ein Deutschkroate aus dem Norden Deutschlands. Wohnung frei, Schlüssel da, kein Formular, kein Aufhebens. Er hat uns erklärt, wo wir essen können: dreihundert, vierhundert Meter die Straße runter, ein Restaurant, gut.

Es war fantastisch.

Fleisch, perfekt gegrillt. Öl aus der Gegend, Brot, das für Öl gebaut wurde, und ein Wein, bei dem ich nicht nach dem Jahrgang gefragt habe, weil die Frage albern gewesen wäre. Wir haben draußen gesessen, Lisa im Kleid, und Lisa friert sonst immer. Über dem Karst stand ein Sternenhimmel, den man in Mitteleuropa nicht mehr kaufen kann.

Dreihundert, vierhundert Meter zurück zu Fuß. Das ist auch etwas wert nach drei Tagen im Sattel.

Tag 3 in Zahlen

WasWert
Strecke264 km
Von - nachbei Nova Gorica - Insel Pag
Pässe und HöheKüstenstraße, kein Pass
LänderSlowenien, Kroatien
FährePrizna - Žigljen
ÜbernachtungFerienwohnung auf Pag

Fotos und Screenshots zeigen die App mit Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende, verfügbar unter der Open Database License.