Vor dem Gewitter her über den Großglockner

Um sieben war ich wach. Das Gewitter hatte ich schon am Vorabend geprüft und am Hotel mit anderen Bikern besprochen, am Morgen bestätigte es sich noch einmal: Eine Gewitterfront rückte näher, für den Nachmittag über die Alpen, und wir wollten vor ihr bleiben.
Also los. Kurz nach neun saßen wir auf dem Motorrad, und es war die beste Entscheidung des Tages. Gleich am Anfang lag ein Stausee am Weg, schmutzig, aber irgendwie hübsch.
Das ist die eigentliche Kunst am Motorradreisen, und sie hat mit Fahrtechnik nichts zu tun: Du fährst nicht gegen das Wetter, du fährst vor ihm her. Wer um zwölf losfährt, verhandelt um vier mit einem Gewitter über den Vorrang. Wer um neun losfährt, ist um vier zweihundert Kilometer weiter und schaut sich das Ganze von der anderen Seite an.
Der Tag fing in Deutschland an und hörte in Slowenien auf. Dazwischen lagen Österreich und ein paar Kilometer Italien, 336 Kilometer insgesamt.
Gegen Mittag kam der Pass: die Großglockner-Hochalpenstraße, an der höchsten Stelle 2.504 Meter. Oben dichter Nebel, elf Grad, und außer einer Nebelwand sah man nichts.
Ich habe auf dieser Tour mehr gelernt als in den Wochen davor.
Der Roadster ist in engen Kehren nicht das falsche Motorrad, aber er ist ein sehr ehrliches. Der Lenker ist schmaler und tiefer als bei einer Reiseenduro, die Sitzposition schiebt Gewicht nach vorn, und mit Sozia und Gepäck wandert der Schwerpunkt nach hinten und oben - die Maschine will nicht mehr willig einlenken, dafür schiebt sie am Kurvenausgang.
Und vorne sitzt eine ganz normale Upside-down-Gabel. Kein Telelever, kein Zaubertrick: Die Front taucht beim Anbremsen weg wie bei jedem anderen Motorrad auch, du bekommst jede Unebenheit ungefiltert in die Handgelenke, und wenn du zu spät und zu hart in eine Kehre bremst, dann steht das Gewicht vorn und die Fuhre lenkt nicht mehr ein. Kein Netz. Nur du.
Was mir tatsächlich geholfen hat, war der Motor. Der 1250er Boxer zieht aus dem Drehzahlkeller so sauber und so linear, dass man in der Spitzkehre mehr mit dem Gas arbeitet und weniger mit der Kupplung. Kuppeln muss man dennoch. Für einen Anfänger ist das der eigentliche Unterschied: Ein Motor, der bei zweitausend Touren nicht ruckelt und nicht abstirbt, nimmt dir in der Kehre einen Teil der Aufgabe ab, an der die meisten scheitern - die Kupplungshand, die zwischen Schleifen und Kommen entscheiden muss, während gleichzeitig alles andere passiert.
Und Lisa hinter mir ging mit. Vom ersten Kilometer an. Ein Sozius, der in Schräglage gegenhält, macht aus einer Einheit zwei Systeme, die um dieselbe Achse streiten. Sie hat das nie getan. Ich weiß bis heute nicht, ob das Talent war oder schlicht die Weigerung, sich einzumischen.
Oben Pause. Lisa hat Fotos gemacht. Auf keinem ist eine Aussicht, auf allen die Nebelwand.
Dann runter nach Heiligenblut und weiter nach Oberdrauburg, zur Mittagspause, gut eineinhalb Stunden. Danach durchs Gailtal in Kärnten, bei Tarvisio kurz Italien. Kurz vor dem Predil liegt ein See, der Lago del Predil. Dort haben wir angehalten und uns eine knappe halbe Stunde am Wasser ausgeruht. Dann über den Predil, 1.156 Meter, die Grenze nach Slowenien. In ein Land, das eine der schönsten und eine der ehrlichsten Straßen Europas bereithält.
Die Soča
Wer das Tal nicht kennt: Das Wasser ist türkis. Nicht „türkis“ wie im Prospekt, sondern wie ein Fehler in der Farbwiedergabe, ein Grünblau, das nicht zu einem Fluss gehören dürfte. Es kommt vom Kalkmehl, es ändert sich mit dem Licht, und man fährt die ersten zwanzig Kilometer damit, ständig hinzuschauen, obwohl man nicht soll.
Und dann stehen da die Schilder.
Ein Motorrad, gekippt, in Rot. Kein Text nötig. Die Slowenen haben irgendwann aufgehört, freundlich zu formulieren, und stellen jetzt Piktogramme hin, die aussehen wie „Achtung, Motorradfahrer fallen um“. Regelmäßig. Du bist nicht besonders.
Man kann darüber lachen. Ich habe darüber gelacht. Mein Satz dazu: „Aber wir fallen nicht um. Wir werden umgefahren.“ Bis mir jemand am Abend erklärt hat, was auf diesen Schildern eigentlich steht - dazu gleich.
Der Grund für die Schilder liegt nicht am Belag und nur teilweise an den Kurven. Er liegt an den Einheimischen.
Die Straße windet sich über weite Strecken an einer Felswand entlang, und in einer Reihe von Kurven ist der Kurveneingang durch eine Felsnase verdeckt. Du siehst nicht hinein. Du kannst nur raten.
Der Tourist macht in dieser Lage das Vernünftige und Falsche zugleich: Er bleibt weit außen, weil außen die bessere Sicht verspricht, und wird dadurch langsam, unrund und unberechenbar. Der Einheimische macht das Unvernünftige und Richtige: Er kennt die Kurve auswendig, schneidet sie, nimmt die Ideallinie und ist durch, bevor die Frage entsteht. Man erkennt den Unterschied der Fahrtechnik am Kennzeichen.
Zwei Fahrstile, dieselbe Kurve, keine gemeinsame Annahme. Das geht so lange gut, bis der Einheimische an der Felsnase auf den Touristen trifft, der genau dort außen mittig steht und bremst.
So ging es durch das Tal, Kurve um Kurve, bis es Abend wurde und wir ein Bett brauchten.
Das Hotel am Abend lag bei Nova Gorica, der Stadt direkt an der Grenze zu Italien. Wir sind zielstrebig per Navi hingefahren. Ein Haus, das sehr deutlich nach mehr aussah, als ich einzuplanen bereit war.
Und dann kam eine Überraschung, bei der ich ein Klischee revidieren musste.
Premium, ja - aber ohne deutsche Premiumpreise. Für das Gebotene war der Betrag an der Rezeption günstig. Dazu bekam ich etwas, das kein Hotel in Deutschland auch nur erwägen würde: Ich durfte das Motorrad direkt neben dem Haupteingang abstellen. Nicht auf dem Parkplatz. Nicht „hinten rum, da ist ein Carport“. Neben dem Eingang, im Sichtfeld der Rezeption, unter dem Vordach.
Und während ich noch das Formular ausfüllte, erzählte ich dem Mann hinter dem Tresen von der tollen Straße und von der lustigen Beschilderung. Er sagte, ohne aufzublicken, mit dem Tonfall von jemandem, der eine Wettervorhersage vorliest:
„Das ist die gefährlichste Straße des ganzen Landes. Jeden Monat mindestens ein Toter.“
Kein Vorwurf. Keine Belehrung. Kein „seien Sie vorsichtig“. Nur eine Zahl, die er offensichtlich oft genug sagen musste, um sie ohne Betonung sagen zu können.
Ich habe an dem Abend länger auf der Terrasse gesessen, als ich vorhatte. Zum ersten Mal auf dieser Reise habe ich darüber nachgedacht, dass die Piktogramme am Straßenrand nicht dekorativ sind.
Tag 2 in Zahlen
| Was | Wert |
|---|---|
| Strecke | 336 km |
| Start | Inzell |
| Ziel | bei Nova Gorica |
| Pässe und Höhe | Großglockner-Hochalpenstraße, höchster Punkt 2.504 m, Predil 1.156 m |
| Länder | Deutschland, Österreich, Italien, Slowenien |
| Mittagspause | Oberdrauburg, gut eineinhalb Stunden |
| Übernachtung | Hotel bei Nova Gorica |




