Kroatien. Mehr Plan gab es nicht.

Achtzehn Jahre Führerschein, fünf Wochen R 1250 R, neun Tage Zeit - und ein Wort als Reiseplan.
Es gab genau eine Bedingung, und sie bestand aus einem Wort: Kroatien.
Kein Rückkehrdatum außer der Anzahl der Tage. Keine Buchung. Keine Route.
Was es auch nicht gab: Erfahrung.
Ich hatte den Führerschein seit achtzehn Jahren. Darauf steht, was man fahren darf, und bei mir stand da auch das große Motorrad. Achtzehn Jahre lang hatte ich es also immer dabei, im Geldbeutel. Gefahren bin ich gar nichts.
Also erst einmal ein Auffrischkurs, freiwillig, bei der Fahrschule um die Ecke. Mit der Prüfung hatte das nichts zu tun, die lag lange hinter mir. Ich wollte lieber ein Fahrschulmotorrad hinlegen, als mit dem eigenen wie der letzte Depp dazuliegen.
Dann kaufte ich mir eine G 310 R. Die war zu schwach, und das war einfach zu erklären: Ich wiege 100 Kilo, die 310 hat 34 PS, und mit Sozia drauf passiert da nicht viel. Ich habe Lisa draufgesetzt, damals meine Freundin, heute meine Frau. Sie hat selbst gemeckert, dass das zu wenig ist. Um Erlaubnis betteln musste ich nicht.
Vier Wochen später stand eine R 1250 R vor meiner Tür, fünf Wochen vor der Abfahrt. Bis dahin reichte es für die Inspektion nach den ersten tausend Kilometern und ein paar Kilometer mehr. Ein Roadster. Boxer, Kardan, keine Verkleidung, kein Koffersystem ab Werk, kein Tank, der für Dalmatien gebaut wurde.
Und mit diesem Gerät und dieser Bilanz bin ich in Franken losgefahren, mit Lisa hinten drauf, Richtung Adria.
Man kann das für mutig halten. Man kann es auch für das halten, was es war: die einzige ehrliche Art, Motorradfahren zu lernen. Fahrschule bringt dir Abläufe bei. Neun Tage mit Gepäck, Hitze, Wind, Pässen und einem zweiten Menschen bringen dir bei, wer du auf einem Motorrad eigentlich bist.
Der Mensch hinter mir war dabei das eigentlich Bemerkenswerte. Eine Sozia auf einer Neuntagestour ist der ungeschützteste Teilnehmer im ganzen System - keine Kontrolle, keine Sicht nach vorn, kein Lenker, und trotzdem muss sie jede Entscheidung mitfahren. Lisa tat das bei jemandem mit gut zwei Monaten Praxis, davon fünf Wochen auf dieser Maschine. Vertrauen ist auf einem Motorrad keine Metapher, sondern eine Betriebsbedingung, und sie hat es vorgestreckt, bevor es gedeckt war.
Am Ende standen auf dem Zähler rund 2.940 Kilometer, verteilt auf neun Tage Ende August 2024.
Kilometer machen
Der erste Tag war reine Strecke. Franken hinter sich lassen, runter Richtung Alpen, Kilometer verbrennen, damit am zweiten Tag etwas Schönes anfangen kann. Der undankbarste Tag jeder Tour, und der, über den nie jemand schreibt.
Kurz nach zehn fuhren wir los, über Ingolstadt und den Chiemgau ins Berchtesgadener Land. Wir wollten irgendwo in die Alpenvorkette, eine Bleibe, nicht mehr. Und dann hatten wir uns verfahren, oder genauer: Die Navi-App auf dem Handy war abgestürzt, und nach dem Neustart hatte sie das Ziel vergessen, das ich eine halbe Stunde vorher auf Inzell geändert hatte. Sie führte uns brav zum alten. Kurz nach acht Uhr abends standen wir in der Gegend des Königssees, ein ganzes Stück neben dem, wo wir hinwollten.
Zurück ging es mit leeren Akkus, vor allem dem der Gegensprechanlage: Navi-Ansagen hörte ich keine mehr. Am Straßenrand haben wir zehn Minuten geladen, damit wieder etwas drin war, dann ging es weiter. Kurz nach neun erreichten wir Inzell.
Vorab hatten wir nichts gebucht, gar nichts. Inzell buchten wir am Abend vom Handy aus, etwa zwei Stunden vor der Ankunft.
Übernachtet haben wir also in Inzell. Nicht am Königssee - daneben. Was sich als der bessere Teil des Fehlers herausstellte, weil in Inzell ein Preisniveau herrscht, das mit dem am See nichts zu tun hat.
Abends auf der Bank vor dem Haus, Bier in der Hand, Berge vor der Nase, Beine, die vom Sitzen brummten - und ein Nacken, der mir zum ersten Mal mitteilte, was „Roadster ohne Verkleidung“ auf 563 Kilometern bedeutet. Auf einem nackten Motorrad hältst du bei hundertdreißig den Oberkörper gegen einen Luftstrom, den ein Tourer einfach wegräumt. Das sind keine Schmerzen. Das ist Arbeit, die man erst merkt, wenn man absteigt.
Lisa sagte: „Und morgen?“
Ich sagte: „Kroatien.“
Sie sagte: „Das weiß ich.“
Tag 1 in Zahlen
| Was | Wert |
|---|---|
| Strecke | 563 km |
| Start | Franken |
| Ziel | Inzell |
| Route | Ingolstadt, Chiemgau, Berchtesgadener Land (Gegend Königssee), Inzell |
| Pässe und Höhe | keine Pässe, Inzell liegt auf rund 700 m |
| Länder | Deutschland |
| Übernachtung | Hotel in Inzell |



