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Stilfser Joch kennt jeder. Aber kennst du die Südrampe des Vršič?

Die Kehren der Stilfser-Joch-Straße winden sich durch ein grünes Hochtal, dahinter ein Gipfel mit Gletscher unter tiefen Wolken.

Es gibt Pässe, über die redet man. Und es gibt Pässe, über die redet man danach.

Das Stilfser Joch gehört zur ersten Sorte. 48 Kehren auf der Prader Seite, nummeriert, mit Schildern, auf denen du rückwärts zählst wie beim Countdown einer Rakete. Jeder hat das Foto gesehen: die Serpentinen, die sich wie ein weggeworfenes Kabel den Hang hinunterlegen. Jeder war da oder will hin. Samstags stehen da oben mehr GS als auf einem Händlerparkplatz. Ich weiß das. Ich war eine davon.

Wer eine Passtour plant, hat die Namen im Kopf. Was meistens fehlt, ist die Zahl dazu. Diesen Spätsommer waren die Entwickler abseits vom Code in Schräglage geraten - und mit einer Tabelle zurückgekommen. Keine Postkartenmotive, keine Höhenmeter, keine Legenden. Nur Straße. Wie oft sie dich dreht, wie viel von ihr Kurve ist und wie viel Gerade. Nüchtern, sauber, gnadenlos.

Und da stand der König der Alpen plötzlich nicht mehr ganz oben.

Wie man Kurvigkeit misst, ohne Poesie

Stell dir vor, du fährst eine Straße und zählst mit, um wie viel Grad sich deine Fahrtrichtung insgesamt dreht. Eine Kehre dreht dich fast komplett um, eine lange Linkskurve vielleicht um 60 Grad, eine Gerade um nichts. Am Ende teilst du die Summe durch die Kilometer. Heraus kommt eine Zahl: Grad Drehung pro Kilometer.

360 Grad pro Kilometer heißt: Auf jedem Kilometer drehst du dich einmal komplett um die eigene Achse. Das klingt harmlos, bis man es fährt.

Dazu kommt der Kurvenanteil: Wie viel Prozent der Strecke liegst du tatsächlich in der Kurve, und wie viel davon ist nur Anlauf.

Mehr braucht es nicht. Kein Mythos, keine Stammtischzahlen. Zwei Werte, die ehrlich sind.

Die Rangliste

StreckeLängeDrehung pro kmKurvenanteil
Vršič, Südrampe (von Trenta)12,2 km691°48 %
Mangartstraße (bis zur Schranke)9,0 km612°38 %
Vršič, Nordrampe (von Kranjska Gora)12,3 km569°39 %
Silvretta-Hochalpenstraße20,4 km473°30 %
Stilfser Joch, Nordrampe (von Prad)25,5 km456°25 %
Transalpina, Nordrampe (von Obârșia Lotrului)21,7 km409°39 %
Stilfser Joch, Südrampe (von Bormio)21,4 km403°28 %
Gavia, von Santa Caterina14,1 km383°32 %
Nockalmstraße33,5 km382°22 %
Transfăgărășan, Nordrampe (von Cârțișoara)30,1 km355°39 %
Gavia, von Ponte di Legno17,8 km350°30 %
Großglockner-Hochalpenstraße46,1 km336°26 %
Predel, italienische Seite5,4 km326°34 %
Timmelsjoch, beide Seiten39,5 km322°22 %
Transfăgărășan, Südrampe (vom Vidraru-Stausee)53,5 km311°38 %
Transalpina, Südrampe (von Novaci)28,6 km242°25 %

Zum Mitnehmen: alle Pässe aus der Liste als Punkte für MotoNavigator. Laden, antippen, losplanen.

Das Stilfser Joch: lang, legendär, verdünnt

Versteh mich nicht falsch. Das Stilfser Joch ist ein Monument. Wer die Nordrampe hochfährt, dreht sich insgesamt rund 32 Mal um die eigene Achse. Masse hat es.

Aber die Rampe ist lang. Zwischen Prad und den ersten richtigen Kehren liegen Kilometer, auf denen die Straße Anlauf nimmt. Pro Kilometer gerechnet bleiben 456 Grad. Stark, keine Frage. Aber nicht Spitze.

Das Stilfser Joch ist wie ein Konzert von einer Band, die man seit dreißig Jahren kennt: Man weiß, was kommt. Und genau deshalb fährt man hin.

Österreich: Der Glockner ist die Bühne, die Silvretta die Show

Die Großglockner-Hochalpenstraße: 48 Kilometer, 36 Kehren, der Blick auf den höchsten Berg des Landes. Eine Straße wie ein Staatsakt. Aber pro Kilometer gerechnet landet sie im hinteren Mittelfeld - zu viel Panorama, zu viel Anlauf zwischen den Kehren. Man fährt den Glockner nicht wegen der Kurven. Man fährt ihn, weil man ihn gefahren sein muss.

Die Überraschung wohnt weiter westlich. Die Silvretta-Hochalpenstraße packt 34 Kehren auf gut 20 Kilometer, die meisten davon auf der Vorarlberger Seite übereinandergestapelt wie Teller in der Spülmaschine. 473 Grad pro Kilometer - mehr als auf der Nordrampe des Stilfser Jochs.

Die Nockalmstraße in Kärnten ist das Gegenprogramm: 52 Kehren, aber weit, rund, freundlich. Ein Pass zum Schwingen, nicht zum Bremsen. Das Timmelsjoch, 44 Kehren vom Ötztal hinüber nach Südtirol, liegt zahlenmäßig dahinter - und ist trotzdem eine der schönsten Grenzüberquerungen, die Europa zu bieten hat.

Rumänien: die beste Straße der Welt?

Irgendwann hat eine britische Autosendung den Transfăgărășan zur besten Straße der Welt erklärt, und seitdem pilgert halb Europa in die Karpaten. Gebaut in den Siebzigern auf Befehl eines Diktators, der eine Straße für seine Panzer wollte. Herausgekommen ist ein Motorradtraum. So viel zur Planbarkeit von Geschichte.

Die Nordrampe von Cârțișoara hinauf zum Bâlea-See ist ein Wasserfall aus Asphalt: 355 Grad pro Kilometer, fast 40 Prozent Kurvenanteil, weit über 80 Kehren auf der ganzen Straße. Die Südseite zieht sich dafür endlos am Vidraru-Stausee entlang. Schön, lang, müde.

Und dann ist da ihr stiller Bruder. Die Transalpina, die höchste Straße Rumäniens, steht im Schatten des Transfăgărășan und ist auf der Nordrampe kurviger: 409 Grad pro Kilometer. Weniger Instagram, mehr Straße.

Beide sind nur im Sommer offen, grob von Juli bis in den Herbst. Den Rest des Jahres gehört der Berg dem Schnee.

Der Vršič: der Sieger

Und dann Slowenien.

Der Vršič verbindet Kranjska Gora mit dem Soča-Tal. 24 Kehren auf der Nordseite, 26 auf der Südseite, jede nummeriert, viele davon gepflastert. Die Nordrampe heißt Russische Straße, gebaut im Ersten Weltkrieg von russischen Kriegsgefangenen. Man fährt da nicht einfach durch. Man fährt da durch Geschichte.

Die Südrampe hinunter nach Trenta ist der eigentliche Hammer: 691 Grad pro Kilometer. Knapp zwei volle Umdrehungen auf jedem einzelnen Kilometer. Fast die Hälfte der Strecke liegst du in der Kurve. Das ist kein Pass mehr, das ist ein Korkenzieher.

Das Beste daran: Wer von Kranjska Gora nach Bovec will und nur auf die Uhr schaut, fährt gar nicht über den Vršič. Die schnellere Verbindung führt über Italien, über den Predel. Über den Vršič kostet dich dieselbe Strecke rund ein Fünftel mehr Fahrzeit. Dafür gibt es gut viermal so viele Kehren.

Der Vršič ist der Umweg, für den man losfährt.

Die Mangartstraße: Bonus für Wissende

Wer am Predel ist, biegt ab. Sonst hat er etwas verpasst.

Die Mangartstraße klettert Richtung Mangart-Sattel, die höchste Straße Sloweniens. Maut, 17 Kehren, eine Handvoll unbeleuchteter Tunnel, grob in den Fels geschlagen. Das letzte Stück hinauf zum Sattel gehört inzwischen den Radfahrern und Wanderern - für uns ist an der Schranke Schluss. Macht nichts. Helm ab, Blick nach oben, die letzten Meter zu Fuß.

Bis dahin: 612 Grad pro Kilometer. Auf einer Straße, die kaum breiter ist als eine GS mit Alukoffern. Frag nicht, woher ich das weiß.

Und der Mortirolo?

Den hatten wir auch auf der Liste. Die berühmte Seite von Mazzo, die aus dem Giro d’Italia, hätte mit 656 Grad pro Kilometer ganz vorne mitgespielt.

Hätte. Die Straße ist an vielen Stellen kaum drei Meter breit, der Belag müde, und die Gemeinde hat die acht Kilometer ab Mazzo im Sommer 2025 für Autos und Motorräder gesperrt - frei nur für Anlieger (Stand: September 2026). Über Grosio und Monno kommt man weiterhin motorisiert hoch. Die legendäre Seite gehört den Radfahrern. Gönnen wir es ihnen.

Was man daraus lernt

Die bekanntesten Pässe sind nicht die kurvigsten. Sie sind die bekanntesten. Das ist ein Unterschied.

Das Stilfser Joch hat die Masse. Der Großglockner hat den Namen. Der Transfăgărășan hat den Ruf. Die Silvretta hat die Kehren. Und der Vršič hat die Dichte - die Südrampe hat alles davon auf zwölf Kilometern zusammengepresst.

Ein Tipp noch: Viele dieser Straßen kosten Maut, manche sind nur im Sommer offen, und Stilfser Joch und Gavia sind an einzelnen Vormittagen für Motorräder gesperrt (Stand: September 2026), dann gehört die Straße den Radfahrern. Vorher checken spart Frust.

Wenn du nächsten Sommer wieder am Stilfser Joch in der Schlange stehst, hinter einem Wohnmobil aus Wanne-Eickel und vor drei GS mit identischen Helmen: Denk an Slowenien. Kaum Verkehr, viel Kurve, gutes Bier.

Eng, alt, ehrlich.

Fotos und Screenshots zeigen die App mit Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende, verfügbar unter der Open Database License.